Die Birke

Luchterhand 1999 und als E-Book 2016 bei Endeavour-Press

Nach einem schweren Sturz im Garten und langen Wochen im Krankenhaus wird Simone zurück nach Hause gebracht. Aus dem Koma ist sie nicht mehr erwacht, und eigent­lich weiß niemand, ob sie noch etwas fühlt und etwas wahrnimmt. Diese Frau liegt oben im Schlafzimmer ihres Hauses in einem ruhigen Wohnviertel; ihre Familie kümmert sich um sie. Ihre Mutter übernimmt die Hausarbeiten, beim täglichen Umbetten und Füttern hilft eine Krankenschwester, für die diese Patientin nur ein Fall von vielen ist. Der Ehemann würde dem Elend zu Hause am liebsten ent­fliehen und bei seiner Sekretärin einziehen. Dennoch versucht er, sich seiner stummen Frau irgendwie mitzuteilen. Dem Sohn sind sie alle zuwider, der Vater, die Krankenschwester, die Großmutter. Er fühlt sich stark genug, seine Mutter allein zu pflegen, doch als alles für eine Woche weg sind, weiß auch er bald nicht mehr, wie er ihr helfen kann. Fabienne Pakleppas Romanfigur registriert, was mit ihr und was um sie herum geschieht. Sie weiß allerdings nicht, wer sie ist und wer die Leute um sie sind; manchmal tauchen in ihrem Gedächtnis Fetzen aus der Vergangeneheit auf: als sie zusammen mit der Familie in Italien war, die Erinnerung an den ersten Freund. Nach und nach setzt sie aus diesen Fundstücken zusammen, wer sie gewesen sein könnte, und versucht, sich mitzuteilen. Aber niemand versteht, was in ihr vorgeht, und alle haben sie im Grunde aufgegeben wie die Birke vor dem Haus, die gefällt werden soll. „Und plötzlich erinnert sich die Frau an einen Kampf hinter der grünen Hecke, das war nach einem Grill­fest im Garten, die Gäste waren weggegangen, da entfachte sich zwischen Vater und Sohn ein Streit, warum, das weiß sie nicht mehr, sie weiß nur noch, dass der Sohn und der Vater brüllten und aufeinander losprügelten. Ein Körper blieb unter der Birke liegen.” „Behutsam reichert Pakleppa ihre Figur an, gibt ihr Stück für Stück ihre Geschichte zurück, das stumme Kind, den ersten Liebhaber, den Streit in der Familie, ohne kommentierend in den Fluß der verschleierten Gedanken einzugreifen. Es gelingt ihr, so unsentimental von einem Leiden zu erzählen, das ähnlich wie das Altwerden, selten in der Literatur zur Sprache gebracht wird.
FAZ

„Fabienne Pakleppa schreibt in knappen Sätzen und klaren Worten die Geschichte einer Frau in einem unsichtbaren Gefängnis. Da stiehlt sich kein überflüssiger Schnörkel rein, eine bilderstürmenden Beschreibungen. Akribisch dokumentiert sie die Alltagsgeräusche. Beschreibt, was Simone sieht und hört. Wie sich ihr Gehirn anstrengt, dem Körper Befehle zu geben. Wie Kälte und Wärme, Durst und Hunger in ihr hochkriechen. Wie Erinnerungsfetzen im Kopf der Kranken herumfliegen. Unmerklich zieht Pakleppa den Leser in Simones Gedankenwelt hinein. Erzählt vielschichtig eine leise, bewegende Geschichte übers Menscheln.”
Münchner Stadtmagazin

„Eine Situation wird hier literarisch nachgezeichnet, die im Alltag mancher Leserinnen und Leser schmerzliche Realität sein mag und die Urängste in uns allen schürt. Fabienne Pakleppa läßt die Sprache von dieser Existenz des Ausgeliefertseins prägen. Sie schreibt einfache Sätze, die sich oft auf Fragmente reduzieren und dann wie erratische Blöcke nebeneinander stehen. Die Autorin hat mit „Die Birke” ein Buch von stiller Ausserordentlichkeit geschrieben.”
Neue Zürcher Zeitung

„Ein Ende so beklemmend wie notwendig. Es ist der adäquate Schlußpunkt von Pakleppas Roman, der auf stilitstische Spielereien und komplizierte Strukturen bewußt verzichtet. „Die Birke” ist ein Roman der eindeutigen Botschaften: Ein Plädoyer für die Menschlichkeit und für die Notwendigkeit gegenseitigen Ver­stehens, auch und gerade dann, wenn es mit größter Mühe verbunden ist.”
SZ

„Fabienne Pakleppa entwirft darin das beklemmend eindringliche Portrait einer Frau, die im Wachkoma liegt. Von den meisten Menschen in ihrer Umgebung längst abgeschrieben, ist sie sich selbst und ihrer Identität nicht mehr Gewiß. Ihre Vergangenheit scheint wie hinter einer Nebelwand verborgen zu liegen, gleich­zeitig ist ihr Wahrnehmungsvermögen bis aufs äußerste geschärft – so, wie die Sprache dieses literarisch ungemein überzeugenden Romans bis aufs äußerste verknappt ist.”
Bayerischer Rundfunk

„Fabienne Pakleppa unternimmt das literarische Abenteuer, der vollends Iso­lierten, in ihrem Körper hilflos Gefangenen eine Stimme zu verleihen, deren Erleben in Worte zu fassen – ein großes Wagnis, das der Autorin, die sich schon mit ihren beiden früheren Romanen „Die Himmelsjäger” und „Die Aufsässigen” als souveräne Erzählerin erwiesen hat, meisterhaft gelungen ist. Ihr eignet auch der Mut, da hinzuschauen, wo die meisten Menschen aus Ungeduld, aus Verzweiflung, aus Ekel den Blick abwenden. In elliptisch verknappter Sprache umreißt dieser 200-Seiten Roman ein Familiendrama, so wie es sich hinter der Tür eines schmucken Siedlungshäuschens in der Nachbarschaft abspielen könnte, sobald Krankheit in den Alltag einbricht. Der Blick der Komapatientin auf die nach ihren Gesetzen agierende, unfreiwillig zerstörerische Außenwelt beweirkt eine Leseerfahrung ganz eigener Dimension und höchster Intensität.”
NDR